

Entfernte Nachbarschaft: Doch für den TSV Friedrichskoog und Sven Bielenberg ist ein Kreisliga-Spiel im 70 Kilometer entfernten Horst machbar. Vor allem in der Jugend und bei den Frauen können Kreisfußballverbände wie Dithmarschen und Steinburg einen jeweils eigenständigen Spielbetrieb kaum noch gewährleisten. Man muss kreisübergreifend agieren. Foto: Jensen
- Vier Zahlen leuchten über der Zapfsäule. Die beiden wichtigen sind die "1" und die "7". Sie bezeichnen einen Preis, der Autofahrern Sorgen macht. Schleswig-Holstein besteht aus Flächenkreisen und kreisfreien Städten. Neumünster sollte die infrastrukturellen Bedingungen haben, dass seine Einwohner diese Sorgen nicht so haben müssten. Stephan Beitz sorgt sich trotzdem. Das führt zu einem Konflikt mit der Westküste.
Stephan Beitz ist Vorsitzender des Kreisfußballverbandes Neumünster und seinen Vereinen verpflichtet. Die C-Junioren des SV Wasbek - der Ort gehört verbandstechnisch zum angrenzenden Neumünster - bestreiten an einem März-Sonnabend ein Punktspiel zur Mittagszeit. Diese Reise führt nicht um die Ecke. Gastgeber ist die zweite Mannschaft der SG Mölln/Ratzeburg. Das sind mehr als 90 Kilometer. Wasbek gewinnt beim Tabellenletzten 6:1. Das war´s.
War´s das? Nach Hohenwestedt ist es aus Wasbeker Sicht ein Katzensprung. In Hohenwestedt spielt der SV Wasbek nie. Der MTSV Hohenwestedt gehört dem Kreisfußballverband Steinburg an. Seine C-Jugend-Spieler reisen, während Wasbek den Tagesritt nach Lauenburg unternimmt, zum Kreisliga-Spiel gen Heide. Sie fahren auch nach Wewelsfleth und Glückstadt, nach Marne und St. Michaelisdonn.
Schleswig-Holstein im März.
Q
Zu dieser Zeit tagt der Beirat des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, das höchste Gremium zwischen den Verbandstagen, die alle vier Jahre stattfinden. "Mir wird dabei oft zu wenig über Fußball und zu viel über Paragraphen gesprochen", sagt Werner Papist, der als Chef des Steinburger Kreisfußballverbandes dem Beirat angehört.
Stephan Beitz ist auch ein Mann der Praxis, und er kennt Schleswig-Holsteins Topographie. Sein Problem ist akut und wird sich verschärfen. "Wir haben nur noch 24 Vereine", sagt der Neumünsteraner. Der Spielbetrieb auf unterer Ebene sei gefährdet bis unmöglich.
Jeder weiß, dass sich der demographische Wandel verschärfen wird. Sicherlich könnte der KFV Neumünster (samt Wasbek und Gadeland) immer noch eine "Stadtbusliga" aufrechterhalten. In einigen Altersklassen gibt es sogar noch eine Kreisklasse A und B. Doch diese Teams zusammen mit den Kreisligisten, das wäre eine Gemengelage, die keinem fairen Wettstreit entspricht. Zweistellige Ergebnisse wären an der Tagesordnung; chancenlose Mannschaften würden sich abmelden.
Deshalb müssen Neumünsters Kreisligisten reisen - bis nach Mölln. Neumünster organisiert seinen Spielbetrieb in der Jugend mit Segeberg, Stormarn und Lauenburg.
Für Kreisfußballer, die Fahrten nicht gewohnt sind, weil sich das über Generationen innerhalb der eigenen Stadtmauern abgespielt hat, sind das heftige Ausschläge. Sechs Stunden brutto für 2 x 35 Minuten C-Jugend. Spritpreis: 1,70 Euro.
Q
Stephan Beitz bereichert die Beiratstagung des SHFV mit einem Vorschlag, der die Vertreter der Westküste in Maßen amüsiert. Mit klaren Worten fordert Beitz eine Veränderung der Strukturen. Neumünster wolle seinen Spielbetrieb im "Kreis", statt mit Lauenburg, mit Steinburg organisieren. Im Männer-Bereich arbeite man schließlich auch zusammen. Die Verbandsliga Süd-West umfasst Neumünster, Segeberg und Steinburg.
Der Vorschlag mag aus Neumünsteraner Sicht verständlich sein. Aus Steinburger Sicht ist er ein Affront. Dithmarschen wertet ihn als Angriff.
Q
Es braucht keine umfangreichen Studien. Beobachtungsgabe und Menschenverstand reichen, um die gewaltigen Probleme der nächsten Jahre vorherzusehen. Der demographische Wandel ist ja bereits im Gange, Schulschließungen an der Tagesordnung.
Gleichzeitig erfordern die Kinder, die da sind, ein gehobenes Maß an Betreuung, damit nicht der ganze Tag vor Computer und Fernseher verbracht wird. Sie entwickeln Kompetenzen, die pädagogisch wirkende Erwachsene sich mühsam aneignen müssen. Fußball ist ein stabilisierender Anker.
Auch beim Mannschaftssport müssen indes Kompromisse eingegangen und unpopuläre Entscheidungen getroffen werden. Es gibt Spielgemeinschaften zwischen Vereinen, die in heftiger Rivalität verbunden waren - Dortmund gegen Schalke gibt es überall. Und plötzlich zusammen . . ?
Bestens geklappt hat die Zusammenarbeit zwischen den Nachbarkreisen Dithmarschen und Steinburg. Fünf Jahrzehnte lang bildeten sie den Bezirk West, bis die Strukturreform des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes diese Ebene auflöste. Nun sind die Kreisfußballverbände direkt dem SHFV untergeordnet.
Q
Die Kreise werden aber immer kleiner - nicht geografisch, sondern an Personen. Gleichzeitig gab der DFB die Empfehlung heraus, ein Fußball-Kreis solle als Richtgröße 100 Vereine verwalten. Davon ist Neumünster mit 24 Klubs so weit entfernt, dass ein Zusammenschluss mit einem anderen kleinen oder mittleren Kreisfußballverband wenig brächte. Die Nachbarkreise Dithmarschen und Steinburg kommen zusammen einigermaßen genau auf die Zahl 100.
Sie sind auch sonst verbunden. 2008 gestattete der SHFV einen gemeinsamen Spielbetrieb auf "Kreisebene". Deshalb gibt es die Kreisliga West, die der früheren Bezirksliga entspricht. Die Genehmigung war notwendig, weil Dithmarschen und Steinburg innerhalb des SHFV unterschiedlichen Regionen zugeteilt sind. Steinburger Klubs spielen übergeordnet in der Verbandsliga Süd-West, die Dithmarscher in der Verbandsliga Nord-West.
Das führt zu der grotesken Situation, dass bei den Männern die SG Geest 05, weil bester Dithmarscher Verein, als Tabellenvierter in die Verbandsliga aufsteigen dürfte, der vorplatzierte TSV Heiligenstedten aber nicht, weil es nur einen Steinburger Regel-Aufsteiger (VfR Horst) gibt.
Sonst ist die kreisübergreifende Kreisliga eine gute Sache und als Scharnier zwischen "reinen" Kreisklassen und Verbandsligen ein Gewinn - ja: eine Notwendigkeit, um die Kluft für den Aufsteiger nicht noch größer werden zu lassen.
Q
"Wir werden zusammenbleiben." Das verspricht Werner Papist, der Vorsitzende des Kreisfußballverbandes Steinburg. Papist hat das Vereins- und Verbandsleben als langjähriger Spieler, Trainer und Funktionsträger kennengelernt. "Wir haben alle Probleme", sagt er, und oft sind es - Stichwort: demographischer Wandel - die gleichen. Jeder weiß also, dass etwas passieren muss. Nur sind die Lösungsansätze anders, und manches, was andere wollen, gleicht einem Angriff.
So fühlen sich Dithmarschen und viele in Steinburg.
Q
Dem Neumünster Vorsitzenden Stephan Beitz hat Gustav Haack die Meinung gesagt. Haack geht bei solchen Gelegenheiten etwas weniger diplomatisch vor als sein Steinburger Kollege Papist. "Ich habe Verständnis für die Neumünsteraner Pläne", erklärt Haack. "Aber nicht für die Vorgehensweise. Wenn man anständig handelt, sagt man zum anderen: Wir sollten uns einmal zusammensetzen." Überfallartig sei der Neumünsteraner Angriff gekommen. So ähnlich hat Gustav Haack das auch auf der besagten Beiratssitzung mit den KFV-Vorsitzenden kundgetan. Der Hemmer nimmt kein Blatt vor den Mund.
Denn was wäre die Alternative? Dithmarschen, das einen eigenständigen Spielbetrieb für Männer, Frauen und Jugendliche auch kaum aufrechterhalten kann, müsste sich, wenn Steinburg von der Fahne geht, in andere Richtungen orientieren. Der Groß-Kreis Rendsburg-Eckernförde möchte nicht in "Rendsburg" und "Eckernförde" zerrissen werden. Somit bliebe Dithmarschen nur der Norden.
Allein: Ein Gebiet von Brunsbüttel über Heide, Husum, Niebüll bis Sylt - weitere Inseln und Halligen gar nicht eingerechnet - hätte eine Topographie, die jener Chiles ähnlich ist, sehr lang und wenig breit. 130 bis 150 Kilometer, einfache Fahrt, könnten für ein "Kreisliga"-Spiel zusammenkommen.
Diesen Spielbetrieb müsste man binnen kurzer Zeit ersatzlos einstellen. Das macht kein B- oder C-Jugendlicher mit, die Eltern nicht, und die kostentragenden Vereine auch nicht.
Q
Es muss etwas passieren im Lande Schleswig-Holstein. Der Fußball steht vor gewaltigen Herausforderungen, die nur im Konsens beherrschbar sein werden. "Bei der letzten Strukturreform hat man Dithmarschen und Steinburg behandelt als die ewigen Hinterwäldler", sagt Werner Papist, der KFV-Vorsitzende aus Lägerdorf. Nicht nur Papist glaubt, dass auf dem nächsten Verbandstag des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes unter dem Druck der Verhältnisse die nächste Strukturreform beschlossen werden muss. 2015 wäre das Datum.
Gustav Haack glaubt das auch.
Die beiden verstehen sich überhaupt ganz gut, fahren gemeinsam zu Tagungen, sind meist Sitznachbarn. Ehrenamtler, wie sie im Buche stehen, von denen es aber auch immer weniger gibt. Der Kreisfußballverband Dithmarschen steht - auch hier ist 2015 die relevante Jahreszahl - vor einem Umbruch. Der Vorsitzende Haack hat seinen Abschied angekündigt, sein Stellvertreter Paul Hermann Ott ebenfalls, andere sind nur deshalb noch im Amt, weil sich kein Nachfolger fand.
Das Thema ist sensibel, weil sich Politiker blutige Nasen geholt haben. Wenn es aber so ist, dass ein gemeinsamer Fußballverband Dithmarschen/Steinburg die auch vom DFB vorgeschlagene optimale Größe hätte, wenn man mit dem personellen Reservoir ordentlich haushalten könnte, wenn eine über dann mehr als sechs Jahrzehnte gewachsene Zusammenarbeit aufrechterhalten werden könnte, wenn es allein nicht geht - dann muss man ein Wort in den Mund nehmen.
Das Wort: Fusion.
Q
"Wir wollen mit Dithmarschen zusammenbleiben und haben überhaupt keine Veranlassung, mit Neumünster zusammenzugehen", wiederholt Werner Papist. "Wir verstehen uns mit Nordfriesland gut", sagt Gustav Haack. "Aber ein gemeinsamer Spielbetrieb auf Kreisebene ist unmöglich."
Freilich sind die Stimmverhältnisse auf dem Verbandstagen des SHFV so, dass der Westen leicht überstimmt werden kann. Man kann sein Schicksal trotzdem selbst in die Hand nehmen. Das Pilotprojekt Kreisliga Dithmarschen/Steinburg ist längst im Dauerbetrieb mit einem zwar kündbaren, grundsätzlich aber unbefristeten Vertrag.
Wer das nicht in Gefahr bringen will - und zwar ausdrücklich auch für Frauen und Junioren -, muss Fakten schaffen, bevor es andere tun. Die Kreisfußballverbände Flensburg und Schleswig haben sich gerade zusammengeschlossen. Die Fusion Dithmarschen/Steinburg muss jetzt auf den Weg gebracht werden. Dann bringt den alten Bezirk West keiner mehr auseinander.
Das ist kein Königsweg. Es ist eine leidlich verträgliche Lösung, die eingebettet werden müsste in eine Gesamtkonzeption auf Landesebene. Es kann dann nicht mehr sein, dass die Einzelkreise Dithmarschen und Steinburg (die es dann ja nicht mehr gibt) ihre besten Kreisligisten in unterschiedliche Verbandsligen schicken. Entweder die Dithmarscher Verbandsligisten fahren auch nach Segeberg und Neumünster - wie Wilster und Oelixdorf - oder die Steinburger reisen nach Bredstedt und Flensburg - wie Brunsbüttel und Nordhastedt.
Oder man erfindet ganz neue Strukturen, aber darüber müssten sich übergeordnete Instanzen den Kopf zerbrechen.
Der Kreisfußballverband Steinburg/Dithmarschen wäre eine Macht und könnte zumindest in Maßen mitbestimmen. Fahrten in den Nachbarkreis haben die Vereine dieser Flächenkreise bereits akzeptiert, als Neumünster noch eine Stadtliga bestücken konnte.
Q
Fragen, die Besitzstände angreifen, lassen sich nie zur allseitigen Zufriedenheit beantworten. Alle Probleme könnte eine Fusion nicht lösen. Von Lunden nach Horst, von Friedrichskoog nach Kellinghusen für ein C-Jugend-Kreisligaspiel - auch das sind Dimensionen, die Spieler, Trainer und Eltern zeitlich und personell fordern.
Die erste Zahl an der Zapfsäule wird 2015 eine "Zwei" sein.
Von: Wolfgang Ehlers
Diskutieren Sie über diesen Artikel
Leider können derzeit keine Kommentare verfasst werden.