

Vorfreude in trister Umgebung: Vor einem umzäunten Krater in der Nähe des neuen Breslauer Stadions erzählt Emilia Mosiewik von ihrem abendlichen Auftritt. Foto: J. Ehlers
(we) Ungefährlich ist das nicht, wie sie sich verrenken. Ein ausgekugelter Arm droht, ein umgeknickter Fuß, ein gezerrter Nacken. George Michael, der das Breslauer Stadion 2011 mit seinem Konzert eröffnete, lebt ständig in dieser Gefahr. Aber die zappelige Pop-Ikone wird dafür wenigstens prächtig bezahlt.
Diese zweimal acht jungen Amateure könnten außerdem noch von einem Ball getroffen werden, denn sie tanzen - im rechten Winkel, den die Eckfahne markiert - mit dem Rücken zu sich aufwärmenden Fußballern. Die Stars würden sich derartige Bewegungen niemals trauen. Nur: Wenn denen beim geschmeidigen Passspiel etwas verrutscht . . ?
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Emilia Mosiewik ist eine der Tänzerinnen. Des Mittags war sie so freundlich, den Weg zum Akkreditierungszentrum zu zeigen und sogar mitzugehen. Das darf man nicht selbstverständlich nehmen. Der Weg um das neue Stadion ist irre weit. Eine Fläche, in die eine weitere Sportanlage großzügig gebaut werden könnte, muss umwandert werden, zumal der hohe Drahtzaun eine Abkürzung verbietet, die über ein riesiges Werbebanner führen würde.
Reklame ist im Moment der einzige Zweck jenes Kraters. Wenn im Fernsehen Luftaufnahmen gezeigt werden, dann rücken unumgänglich die UEFA-Sponsoren ins Bild.
Emilia weiß auch nicht, was dort entstehen soll. Sicher ist: Das polnische Wroclaw, das in seiner tausendjährigen Geschichte zu sieben Nationen gehörte, hängt mit den EM-Vorbereitungen leicht zurück, was besonders schade ist, weil die Kulturhauptstadt des Jahres 2016 lediglich die erste Vorrunden-Woche abgekriegt hat - alle Spiele mit Beteiligung des tschechischen Nachbarn. Der Knüller ist am dritten Spieltag zu erwarten. Dann spielen die Tschechen gegen Polen. Es könnte ein Wochenende der Trauer und des Abschieds werden, möglicherweise allgemein.
In jedem Fall wird Emilia Mosiewik ihre Arbeit dann getan haben. Ein Vierteljahr lang hat die Breslauerin mit ihren Tanzpartnerinnen geprobt, bis jeder Schritt, jede Geste passte. Absolut synchron müsse das über die Bühne gehen, sagt sie. Ein strenges Training wird das gewesen sein.
Und nur der Beifall ist des Künstlers Brot. Das Geschäft gehört anderen.
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Emilia erzählt das weder verbittert noch empört, eher im Duktus einer Nachrichtensprecherin, die die Veränderungen im EM-Land bekannt gibt. "Manche versuchen hier, aus allem Geld zu schinden", sagt die 23-Jährige, nachdem sie einigen Freitagsmalern den Weg gewiesen hat, die sich bereit erklärten, das Antlitz des Passanten in den Landesfarben zu verschönern.
"Gestern war ich mit dem Fahrrad unterwegs; da hielten sie mir immer wieder Flaggen vor die Nase."
Auf das tschechische weiß-blau-rot hat sie allerdings schon gar keine Lust. Ihr reicht es, gegebenenfalls zur tschechischen Musik tanzen zu müssen. Jedes Teilnehmerland durfte sich eine Melodie komponieren lassen. Emilia Mosiewik kennt sie alle und findet viele Songs hübsch. Nur für den eigenen, den polnischen, fehlte von Anfang an die Begeisterung. Schlimmer ginge es nicht, dachte sie. "Aber als ich das tschechische Lied gehört habe . . ."
An diesem Abend wird sie die russische Weise tanzen, auch kein Gassenhauer. Die Choreographie verlangt manchen Stelzschritt und immerzu ein muskulöses Lächeln. Dabei ist die Produkt-Managerin eine natürlich-fröhliche Person, die ihren Ärger zeigt, jedoch schnell herunterschluckt - wenn es auch schmerzt.
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Nach jedem Auftritt werden die Tänzerinnen umgehend des Stadions verwiesen. Emilia Mosiewik sagt, in der 40 000 Zuschauer, viele VIPs und nicht wenige Sponsoren fassenden Arena wären keine Plätze für 16 junge Damen aufzutreiben gewesen, die auch einen Anteil am Gelingen einer europäischen Meisterschaft haben.
Von: Wolfgang Ehlers
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