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22.10.2011 06:00 Uhr

In der Hitze der Nacht

Allerdings belegt auch das römische Derby den Bedeutungsverlust des italienischen Fußballs

- Den ganzen herrlichen Oktober-Tag hat es 25 Grad gehabt zwischen den staubigen Ruinen des Forum Romanum gegenüber dem weltkulturberühmten Kolosseum. Es flimmert auf dem schwarzen Straßenasphalt. Viel Energie ließe sich speichern für den Gladiatorenkampf des späteren Abends im Olimpico auf der anderen Seite des Flusses Tiber, im Nordwesten Roms, eine halbe Stunde Pilgerweg vom Vatikan.

Gut zu Fuß sein sollte, wer dem Derby zwischen "Lazio" und der "Roma" beiwohnen will - so heißen die Erstliga-Vereine in Kurzform. Busse fahren sparsam, das Stadion ist weiträumig vom Verkehr abgesperrt. Lazio Rom ist diesmal Gastgeber für AS Rom. Die "Roma" gewinnt das Stadtduell meistens, an diesem Sonntag aber nicht. In der Nachspielzeit erzielt Lazio das 2:1. Miroslav Klose macht sich mit einem Flachschuss unsterblich.

Für gewisse Zeit. In der Ewigen Stadt.

Das römische Olympiastadion hat bereits eine deutsche Geschichte, sogar mehrere, beginnend 1960. Die Laufbahn, auf der Armin Hary zum Gold spritnete, ist keine Aschenbahn mehr, aber im Ausmaß unverändert. Vor Fußballspielen wird an der Haupttribünenseite ein grüner Kunstrasen auf die Strecke gebracht. Auch die Weitsprung-Grube erscheint nur noch in Schemen.

Die Bänke für Ersatzspieler und Offizielle stehen weit zurück, hinter Laufbahn 8, was den Trainern einen enormen Auslauf beschert, denn ihre Coaching-Zone verlängert sich entsprechend nach vorn.

Roma-Trainer Luis Enrique macht sich trotzdem mancher Übertretung schuldig, ohne dass ein Schiedsrichter eingriffe. Erst als Edoardo Reja, Lazios 66-jähriger Trainer in feinem Zwirn, nach Kloses Siegtreffer in die Curva Nord hastet, verweist ihn Paolo Tagliavente symbolisch auf die Tribüne.

Dann pfeift Tagliavente ab, und Reja kehrt zurück, um den ersten Derby-Sieg Lazios seit mehr als drei Jahren zu feiern.

Reja herzt alles und jeden - ein ganz anderes Bild als jenes des Franz Beckenbauer anno 1990. Gedankenverloren spazierte Beckenbauer (und niemand wagte es, ihn zu stören) über den heiligen Rasen der heiligen Stadt. Beckenbauer, Teamchef der Weltmeistermannschaft.

Mit Spielern, die sich auskannten. Andreas Brehme, Siegtorschütze im Finale, traf im italienischen Liga-Betrieb Matthäus, Völler, Klinsmann und Berthold, bald auch Häßler, Reuter und Kohler, daneben Nationalspieler aus aller Herren Länder. Die italienischen Klubs strotzten vor Zahlungskraft. Ihre Fans, die Tifosi, gaben das letzte Hemd.

Die Bundesliga durchlebte eine schwere Zeit in Stadien ohne Komfort.

Gut zwei Jahrzehnte später ist es mit dem italienischen Glanz nicht mehr weit her. Lazios Kapitän ist ein gewisser Cristian Ledesma. Als Starstürmer fungiert, mit ergrautem Bart, der Franzose Djibril Cisse, der schon 2002 zum WM-Aufgebot des abbauenden französischen Verbandes gehörte.

Lazios Lokalfeind AS Rom ist attraktiv für Gabriel Heinze, 33, um dessen WM-Teilnahme im vergangenen Jahr sich die Vermutung rankt, sie sei allein geschäftlichen und privaten Verbindungen zum damaligen argentinischen Trainer-Troll Maradona zu verdanken. In Wolfsburg hat man Simon Kjaer gern Richtung Rom entlassen, weil sie beim VfL der vielen Fehler des Dänen überdrüssig geworden sind.

Kjaer immerhin ist im Derby 45 Minuten lang als kopfballstarker Cisse-Widersacher bester Verteidiger des seit der 6. Minute führenden AS Rom.

In der Halbzeit jedoch tauscht Lazios Stürmer-Paar die Seiten. Der verwirrte Kjaer zieht nach fünf Minuten die Notbremse, verwirkt den Elfmeter zum 1:1 und fliegt mit der Roten Karte vom Platz.

Für Miroslav Klose, nach der Pause auf der linken statt auf der rechten Angriffsseite eingesetzt, wird der Weg frei.

In der Hitze dieser Nacht, bei nur äußerlich akut abklingender Temperatur, haben Wachkräfte die Tartanbahn in den Kurven lange vor Spielbeginn unter Wasser gesetzt. Die Löschübung ist nicht ohne Sinn. Mit dem Anpfiff sind laute Böller aus dem Roma-Block auf die Bahn geflogen.

Der gesamte Süden - Windrichtung leicht Nordost - wird in gelbe und rote Schwaden getaucht. Kein Bundesliga-Spiel wäre unter diesen Bedingungen gestartet worden, und eine Platzsperre die Sache eines Verhandlungstages des zuständigen DFB-Gremiums.

In Italien gehört Feuerwerk zur Folklore. Man soll das aber nicht verklären. Von den 73 000 Plätzen im Olimpico bleiben 20 000 leer, und fast alle auf der Gegengeraden.

Dafür gibt es neben den Sicherheitsbedenken besorgter Familienväter weitere Gründe. Als zwei Männer vor dem Stadion in akzentfreier deutscher Sprache nach Karten fragen, ist ihnen die Wegweisung zum einen Kilometer entfernten Lazio-Shop keine Hilfe. Dort sei man gewesen, doch der einzig mögliche Eintrittspreis von 110 Euro pro Karte entschieden zu hoch. Man versuche es nun auf dem Schwarzmarkt, habe allerdings wenig Hoffnung, denn alle Kartenbesitzer müssen sich mit dem Ausweis registrieren lassen, und die Identität wird an den Eingängen, wo sie zwar die Feuerwerkskörper ignorieren, dreifach überprüft, auch die der Journalisten übrigens.

Viele Sympathisanten des AS Rom haben zudem wenig Lust, dem verhassten Lokalrivalen die Kasse zu füllen. Die Logen auf der Haupttribüne wiederum sind für zahlungskräftige Lazio-Anhänger reserviert. Das wird im Rückspiel umgekehrt sein.

2:1 in der Nachspielzeit - "Klose schickt den Norden ins Delirium" wird Il Messagero am nächsten Tag titeln. Sieben Seiten widmet die Zeitung dem Derby. Sieben großformatige Klose-Fotos.

Der Kult wird in großer Eile gemacht, auch das Notenbild haben die Kollegen um 22.32 Uhr noch retuschiert: alle Lazio-Leute eine Zensur hoch, alle Roma-Spieler eine runter, Klose mit 8,5 (von 10) nun der Beste, Kjaer erhält ganze vier Punkte. So erscheint als deutliche Lazio-Dominanz, was in Wahrheit ein absolut ausgeglichenes Spiel war.

Aber: "Klose erobert den Norden."

Klose. "Conquistador" nennt ihn Il Messagore. Die Curva Nord ist die der Lazio-Einheizer, vor Spielbeginn begrüßt von einem leibhaftigen Adler, dem Lazio-Wappentier mit beträchtlicher Spannweite. Adlergleich schwingt sich, nach seinem Tor, einem Kniefall und dem Abpfiff, Miroslav Klose durch das Viertelrund - hin und zurück, immer wieder, in der Mitte schweißnasser Kollegen, umarmt vom Trainer Reja, allein. Die Curva Nord lässt ihn nicht los.

Den Journalisten kann sich Miroslav Klose leichter entziehen. Die Sprache sei ein Hindernis, gibt seine Geste zu verstehen. Kurz vor Mitternacht mag er aber auch auf Deutsch wenig reden. "Miro, grande!", rufen ihm Reporter hinterher.

Der große Miro lächelt versonnen.

Er hat dann aber ein paar Tage später lesen müssen, dass Lazio-Anhänger, einschlägig bekannt und berüchtigt, in ihrer Nordkurve wieder mal ein Hetz-Transparent entfaltet haben: "Klose mit uns" - und nun hat auch der Siegtorschütze die in NS-Runen abgehobenen "SS"-Buchstaben schlimm und empörend gefunden.

Dem Messagero, der ihn schon einen "Mythos" nennt, gibt Klose gleichzeitig zu verstehen, dass er sich vorstellen kann, bis 2014 bei Lazio Rom zu verlängern.

Volltreffer: Nach seinem Tor zum 2:1-Derbysieg wird Miroslav Klose bei Lazio Rom bereits zum "Mythos" verklärt. Vier Treffer erzielte der 33-jährige deutsche Nationalspieler in seinen ersten sechs Meisterschaftsspielen. Das ist eine beachtliche Quote. Am vergangenen Spieltag sind fünf der zehn Serie-A-Begegnungen 0:0 ausgegangen. Insgesamt fielen lediglich 14 Tore. Foto: Ferrari

 

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