

Jung im Geschäft: Der Engländer William Thompson und die Polin Maria Rosak betreiben ein Hotel in unmittelbarer Nähe zum EM-Stadion in Breslau.
(we) Das Foto über dem Tresen in der Rezeption ist schwarz-weiß, aber von sehr guter Qualität, gehegt und gepflegt. Abgebildet ist eine Fußballmannschaft in der Blüte ihres Schaffens. Das Meisterteam des FC Everton blickt stolz und freundlich in die Kamera. Das Foto ist von 1939.
William Thompson hat die Erinnerung mit nach Breslau gebracht. "Die Meisterschaft war weit vor meiner Zeit", beeilt er sich zu versichern. Das hatte sich der Besucher gedacht. Thompson, der freundliche Engländer im gastfreundlichen EM-Ort, zählt 28 Jahre.
Mit seiner Lebensgefährtin Maria Rosak, ein Jahr älter, hat er sich in die Selbstständigkeit gewagt. Vor wenigen Wochen eröffneten beide ein Hotel. Den Weg ins Zimmer begleiten weitere Fotografien, oft mit Bezug zum Fußball. Ein neues Stadion ist dort zu sehen, und es gleicht auf das Genaueste jenem, das beim Blick aus dem Fenster, hinter der überdachten Schnellstraße, ins Auge fällt.
Die EM-Arena Wroclaw liegt - erst kommt noch der Lidl-Laden - 500 Meter Luftlinie entfernt. In weiteren 500 Metern kann man freilaufende Hühner vor einem im Forst gelegenen Familienhaus treffen.
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Maria und William haben den richtigen Zeitpunkt für die Existenzgründung erwischt - vielleicht ein paar Wochen zu spät, weil mögliche Fußball-Touristen von den zunächst verlangten Mondpreisen abgeschreckt worden sind. 700 Euro sollte ein ordentliches Zimmer in der Innenstadt pro Nacht kosten; solche Meldungen gingen um die Welt.
Auch die Polin Rosak und der Engländer Thompson nehmen Hochsaisonpreise, doch sie liegen im Bereich des britischen Fairplay, sodass zwei tschechische Männer mit Kind einen sehr niedrigen dreistelligen Betrag zahlen - Euro selbstverständlich. Der polnische Zloty verlangt den Faktor 4 bis 4,5 als Multiplikator, dann wären es sechs- bis siebenhundert Zloty.
Ausgebucht ist das "The Willton - Bed + Breakfast", neun Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, fast die gesamte erste EM-Woche.
Dreimal sind die Tschechen dort, für die Breslau der grenznächste Spielort ist. Heute verabschiedet sich Breslau mit Tschechien vom Turnier.
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Eine Woche zuvor, am Morgen nach dem tschechischen 1:4 gegen Russland, erkundigt sich William Thompson mitfühlend nach dem Befinden seiner tschechischen Frühstücksgäste. Denen hat die Partie des Vorabends verständlicherweise wenig gefallen. Sie sind aber nicht unwirsch, fügen sich in ihr Schicksal und sehen noch eine kleine Chance. Nur hieße das: Polen fliegt raus.
William Thompson, Geschäftsmann im EM-Land, enthält sich dazu eines Kommentars. Er gibt sich als allgemeiner Fußball-Freund zu erkennen, der sich am Sport um des Sports willen erfreut und gute Leistungen schätzt; die Nationalität sei egal. Sachkundig ist er auch.
Das soll keine Werbung sein: Aber für einen Fußballfreund liegt das Hotel wirklich ideal. Wer also den polnischen Meister besuchen will . . .
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Jawohl, Slask Wroclaw hat den Titel gewonnen. Borussia Mönchengladbach könnte in der Champions-League-Qualifikation Gegner werden. Das ließe noch einmal ausverkaufte Häuser erhoffen.
Ansonsten betrachtet die Fußball-Gemeinde Breslau aus Entfernung. Im März unterbrach William Thompson die Renovierungsarbeiten für einen Besuch im nahen Stadion. Obwohl es ein Spitzenspiel war - bis zuletzt konnten fünf polnische Teams Meister werden -, fand nur die Tribüne hinter dem einen Tor Zuspruch. Hier sangen, trommelten und begeisterten sich die Fans. Die restlichen drei Viertel der 40 000 Zuschauer fassenden Arena blieben verwaist.
William Thompson hatte sich den Überblick von der Haupttribüne gegönnt. So ein Platz kostet bei einem Punktspiel hier in Breslau rund 45 Zloty und ist ein Spottpreis von 10 Euro - aus der Sicht eines Engländers, der in der Premier League ein Vielfaches dieser Summe entrichten muss. Selbst wenn die großen Erfolge "seines" Klubs länger zurückliegen, als er selber alt ist.
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Der FC Everton, Will Thompsons Verein, ist die Nummer zwei in der eigenen Stadt, an Ruhm und Ehre hinter dem FC Liverpool zurück, irgendwie schon, jedoch nicht hundertprozentig vergleichbar mit dem TSV München 1860 oder dem FC St. Pauli: die sind ja nur zweitklassig.
Und hatten vor allem 1938/39 ganz andere Probleme als der Everton Footballclub in seiner Meistersaison.
Von: Wolfgang Ehlers
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