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22.09.2011 06:00 Uhr Heide

Beruf: Fußballtrainer

Auch das gibt’s: Steffen Rüth leistet sein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Sportverein ab

Ein freundlicher junger Mann: Der zwanzigjährige Steffen Rüth, der sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Heider SV bewarb, kommt bei den Kindern gut an. Foto: Seehausen

Ein freundlicher junger Mann: Der zwanzigjährige Steffen Rüth, der sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Heider SV bewarb, kommt bei den Kindern gut an. Foto: Seehausen

(we) Was er sagt, ist Gesetz. Die Spieler hängen an seinen Lippen. Taktik, Aufstellung, das ganze Programm, unter der Woche auch auf dem Trainingsplatz.

Steffen Rüth ist erst 20. Aber ein Autoritätsproblem hat er nur mit einem etwa gleichalten Schiedsrichter. Dieser Schiedsrichter verlangt, dass die C-Junioren-Fußballer des Heider SV ihre Auswechslungen auf der entgegengesetzten Spielfeldseite vornehmen.

Warum, ist zunächst nicht klar - wahrscheinlich, weil dort der Trainer der Spielvereinigung Eidertal Molfsee steht, und sich der Unparteiische nicht bei jedem Wechsel neu orientieren möchte. Der Molfseer ist ein viel älterer und erfahrener Trainer, mit dem sich ein jugendlicher Schiedsrichter ungern anlegt. Lieber schickt er die Heimmannschaft auf die andere Seite.

Steffen Rüth hat sich nicht gewehrt. Er musste es nicht. Seine Spieler wissen, was zu tun ist, die Abläufe sind bekannt. Mit seinen E-Jugendlichen, die der Abiturient auch betreut, hat er es manchmal nicht ganz so einfach, aber da sind die Schiedsrichter auch etwas nachsichtiger mit übereifrigen Jungs. Nötigenfalls legt der Trainer ein gutes Wort ein.

Der Trainer Rüth.

Steffen Rüth hat in diesem Sommer das Werner-Heisenberg-Gymnasium verlassen. Gedanken über die Zeit nach der Reifeprüfung machte er sich früh. Die waren aber mit der Aussetzung der Wehrpflicht hinfällig. Damit einher ging die Abschaffung des Zivildienstes, den der junge Heider präferiert hätte.

Steffen Rüth möchte studieren; er weiß nur noch nicht, was. Ein Jahr Aufschub hat er sich gegeben. Weil es mit dem Zivildienst nichts mehr wurde, musste eine Alternative her. Das "Freiwillige Soziale Jahr" bot sich an.

Man hat in dieser Hinsicht keine schlechte Auswahl als junger Mensch. Kindergärten, Krankenhäuser, Seniorenheime trauern dem Zivildienst ebenfalls nach. Renommierte Einrichtungen schalteten große Zeitungsanzeigen, um Bewerber für das Freiwillige Soziale Jahr zu gewinnen. "Dass das auch im Sportverein geht, habe ich gar nicht gewusst", sagt Steffen Rüth.

Das geht sogar seit 2003. Carsten Bauer sitzt als Geschäftsführer der Sportjugend Schleswig-Holstein im "Haus des Sports" in Kiel. "Wir haben kein Problem, Bewerber zu finden", sagt Bauer. 80 Stellen stehen landesweit zur Verfügung. "Auf jede kommen im Schnitt sechs Bewerber."

Steffen Rüth wohnt in unmittelbarer Nähe des Heider-SV-Vorsitzenden Detert Bracht. Die Sache entwickelte sich, weil der Heider SV (neben dem Kreissportverband und dem BSC Brunsbüttel) einer von drei Anbietern in Dithmarschen für das FSJ ist. "Ich habe einfach mal locker gefragt", sagt Rüth, der Sportbegeisterte, und Bracht, der Jurist, brauchte nicht lange, um Richtlinien und Bestimmungen herauszukramen. Der Rest war eine Sache von Tagen.

Der Heider SV ist nicht der einzige Sportverein, der geeignete Übungsleiter gebrauchen kann. Aber ein Traditionsklub mit vielen Mannschaften und ohne Spielgemeinschaft tut sich bisweilen besonders schwer, den Bedarf an Ehrenamtlichen zu decken.

Der "Freiwillige" ist kein Ehrenamtler, doch für den Verein eine Investition, die er sich leisten kann. Steffen Rüth ist Leiharbeiter. "Wir überweisen für das ganze Jahr circa 3500 Euro an die Sportjugend", sagt Detert Bracht. Aus Kiel erhält Steffen Rüth sein monatliches Netto-Gehalt von 304 Euro - sjsh-Geschäftsführer Brandt nennt es "Taschengeld", das übrigens die staatliche Kindergeldzahlung an die Eltern nicht beeinträchtigt.

Über das "Haus des Sports" läuft die Abrechnung und die gesamte Verwaltung für alle schleswig-holsteinischen Sport-FSJ-ler. Der Landessportverband stellt über seine Sportjugend auch zwei Referenten bereit, die gegebenenfalls zur Verfügung stehen, unter anderem als "pädagogische Berater".

Gerade diese Woche ist Steffen Rüth nicht in Heide, sondern im Jugendhof Scheersberg, wo er mit anderen "Freiwilligen" ein Seminar besucht, das nicht zuletzt dem kollegialen Austausch dient.

15 dieser Seminartage gibt es im Jahr, außerdem zehn Tage, die der FSJ-ler frei wählen darf. Steffen Rüth will den C-Trainer-Schein in Angriff nehmen. "Wenn sie schon nicht so viel verdienen, sollen sie wenigstens qualifiziert werden", sagt Sportjugend-Geschäftsführer Bauer.

Wer jetzt die 304 Euro Nettogehalt mit der Überweisung des Vereins an die Sportjugend verrechnet, wird eine Finanzierungslücke entdecken. Brutto schlägt ein FSJ-ler mit etwa 650 Euro im Monat zu Buche. Carsten Bauer: "Dafür holen wir uns Zuschüsse vom Land und vom Bund."

Der Verband, die Sportjugend Schleswig-Holstein, stellt im Gegenzug Forderungen an die Vereine. Auch der Heider SV wird regelmäßig einer Prüfung unterzogen. "Das sind junge Leute zwischen 16 und 22", sagt Carsten Bauer. "Für die meisten ist es der Einstieg ins Berufsleben. Sie haben auch einmal private Sorgen und Nöte."

Ein Ansprechpartner im Verein muss mithin gewährleistet sein. Steffen Rüth fühlt sich beim HSV-Jugendkoordinator Matthias Rieck-Göken gut aufgehoben. "Ich kann immer kommen." Und auch die gestandenen Jugendtrainer des Heider SV helfen, wo sie können - selbstredend sein Nachbar, der Vereinsvorsitzende Detert Bracht.

Mit einigen Vereinsvertretern wird Steffen Rüth am nächsten Montag ein Konzept präsentieren, von dem sich zwei Schulen einiges versprechen dürfen. An der Grundschule Lüttenheid ("Meine erste Schule") leitet Rüth bereits eine Fußball-AG. Am Werner-Heisenberg-Gymnasium, seiner zweiten und - bis jetzt - letzten Schule, steht das bevor.

Wenn man nun allerdings zu den Trainingsstunden die Vor- und Nachbereitung zählt; ganz schnell kommen die 38,5 Stunden zusammen, die im Arbeitsvertrag stehen.

Steffen Rüth, der junge Mann, ist aber keiner, der ständig auf die Uhr guckt.

Dass er die Wochenend-Arbeit nicht scheut, versteht sich von selbst. "Dienstags und donnerstags habe ich frei", sagt der 20-Jährige, der sich ausgedehnte Disco-Besuche weitgehend erspart, um fit zu den Spielen seiner Mannschaften erscheinen zu können. Selbst kickt Steffen Rüth auch - beim SV Hemmingstedt, dem er seit der D-Jugend angehört.

Doch in seinem Heimatklub lässt er sich nur noch nach Bedarf einsetzen - mal als Ersatz in der ersten Mannschaft, mal von Anfang an in der zweiten, auch die Nominierung für die dritte Mannschaft würde er nicht scheuen. Es muss nur terminlich passen, denn wenn ein Spiel mit seinen E- , CI oder CII-Junioren ist, dann geht das vor.

"Das ist mein Beruf", sagt Steffen Rüth.

 

Von: Wolfgang Ehlers

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