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26.05.2012 06:00 Uhr Berlin

Am Abend wieder koscher

Michael Werik, TuS Makkabi, Julius Hirsch und Bayern München: Vieles hängt mit vielem zusammen

Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet. Biografie eines jüdischen Fußballers, 352 Seiten, Verlag Die Werkstatt, 24.90 Euro

Werner Skrentny: Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet. Biografie eines jüdischen Fußballers, 352 Seiten, Verlag Die Werkstatt, 24.90 Euro

- Es weht sehr kräftig über die Fischerstraße, sehr viel windiger, als man es von Großstädten gewohnt ist. Michael Werik hat manchmal Mühe, seine Schirmmütze auf dem Kopf zu behalten. Ein Verlust würde ihn schmerzen. Mützen mit dem Abzeichen des FC Bayern München haben ihren Wert. Der Käufer bezahlt nicht nur das Textil, auch den Namen.

60 Jahre alt ist Michael Werik. Er ist in die Fischerstraße gekommen, um eine Meisterschaft zu feiern. Nicht eine des FC Bayern; das hat er sich für später vorgenommen. Hier, auf dem Gelände des Sportvereins Sparta Lichtenberg, geht es um den Landesliga-Titel des TuS Makkabi aus Berlin-Wilmersdorf. In Wilmersdorf steht die Julius-Hirsch-Sportanlage. Michael Werik, TuS Makkabi, Julius Hirsch, Bayern München - das sind Namen, deren Zusammenhang sich nicht ohne weiteres erschließt.

Versuchen wir es.

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Michael Werik ist Jude. Die russische ist seine Sprache, die deutsche beherrscht er perfekt, mit nur leichtem Akzent. Vor 32 Jahren kam er nach Berlin. Im Kinofilm Russendisco, der vor ein paar Wochen angelaufen ist, konnte man lernen, dass Juden aus dem Osten ohne größere Probleme einen Wohnsitz in Berlin finden konnten. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer hat das aufgeschrieben. Die meisten Juden trieben Handel; sie sind geschickte Kaufleute. Auch das hat mit ihrer Religion zu tun, die handwerkliche Arbeit verbietet, aber wie immer in Glaubens-Dingen, sind hier viele Halb- und Unwahrheiten in Umlauf.

Am Sabbat jedenfalls, dem Sonnabend, ist Juden jede geschäftliche Tätigkeit untersagt; so steht es im Talmud. Als eine große Schach-Meisterschaft in der Berliner Messe stattfand, durfte ein jüdischer Teilnehmer zwar die Klötze bewegen, die Uhr aber nicht betätigen, weil das "Arbeit" war. So musste der Weltverband einen Schiedsrichter zum Knöpfchendrücken an die Schach-Uhr stellen.

Gewohnt hat der Denksportler in einem Hotel am Kaiserdamm, fußläufig erreichbar. Autofahren dürfen Juden am Sabbat auch nicht.

Michael Werik erzählt diese Geschichte als Anekdote. Er hat auch noch Witze zum Thema auf Lager, aber die sind so schmutzig, dass sie nur auf Verlangen weitergegeben werden.

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Eine Zeitlang hat sich der TuS Makkabi gegen Sonnabend-Spiele gewehrt. Heimspiele trägt er sonntags aus, aber auswärts muss er sich nach den Gepflogenheiten des Gegners richten. Tatsächlich wird Fußball hier in Lichtenberg gearbeitet. Die gastgebenden Spartianer haben den Ehrgeiz, den Tabellenführer zu schlagen, Makkabi braucht noch einen Punkt, den die West-Berliner nach einem Rückstand beherzt erkämpfen. Sehr böse haben sie aber auf den Elfmeterpfiff reagiert. Zur Halbzeit muss der Schiedsrichter mit heftigen Beschimpfungen leben.

Die Fischerstraße ist über die S-Bahn-Haltestelle Nöldnerplatz bequem zu erreichen, doch selbstverständlich sind die Makkabäer zu diesem Auswärtsspiel mit dem Auto angereist. "Wir haben nur drei oder vier Juden in der Mannschaft", schätzt Michael Werik. Die jüdische Gemeinde in Berlin, eine der größten in Deutschland, besteht aus 12 000 Mitgliedern. Vergleichbare Städte - Heide, Meldorf, Brunsbüttel - können ihre Leistungsmannschaften auch nicht nur aus Eigengewächsen bilden.

Der TuS Makkabi ist, nicht unüblich in Großstadt-Klubs, ein Vielvölker-Gemisch. Sogar einen Iraner habe man in der Mannschaft gehabt und akzeptiert, sagt Werik, der ständige Beobachter. Neben gebürtigen Deutschen sind einige Orientale auszumachen.

Abwehrchef Erdal ist ein Türke. "Ich habe nichts gegen Türken", sagt Michael Werik. "Einer meiner besten Freunde ist Türke." Doch wenn die eine Fußballmannschaft bilden, in Kreuzberg, dann hätte Makkabi nichts zu lachen. "Und unsere türkischen Spieler werden von eigenen Landsleuten als Hurensöhne beschimpft." Dann müsse auch immer noch Polizei anrücken, zum Schutz.

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Das kann der TuS Makkabi ertragen. Schlimm war es vor sieben Jahren, als ein Skandal die Fußballszene erschütterte. In Altglienicke tummelten sich bekennende Neo-Nazis auf dem Platz. Die Makkabäer, hier die zweite Mannschaft, wurden beschimpft, bepöbelt und antisemitisch beleidigt, sogar bedroht und geschlagen. Als sie das alles nicht mehr aushalten konnten, entzogen sie sich dem schlimmen A-Klassen-Spiel durch Abbruch. Dem Gegner wurden die Punkte zugesprochen, weil sich Zeugen an nichts erinnern konnten - besonders der Schiedsrichter, der lebenslang gesperrt wurde, aber nur in der ersten Instanz. Den überforderten Sportrichtern sind auch noch jede Menge Formfehler unterlaufen.

In der DFB-Zentrale ist das Urteil gar nicht gut angekommen. Dr. Theo Zwanziger hat in seiner Amtszeit einige Fehler gemacht, doch indem er den Julius-Hirsch-Preis ins Leben rief, ist ein gutes Werk gelungen. Die Preisverleihung, alljährlich im Herbst vor einem Länderspiel und in dieser Zeitung mehr als einmal gewürdigt, geht immer sehr stilvoll vonstatten, alles andere als billig und mit erhobenem Zeigefinger.

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Julius Hirsch, an den bei diesen Gelegenheiten erinnert wird, war ein gefeierter jüdischer Nationalspieler zu Zeiten eines Gottfried Fuchs, dem 1916 beim 16:0 gegen Russland zehn Treffer gelangen. Der Jude Fuchs entkam den Nazis durch Emigration nach Kanada. Hirsch blieb und erlitt Diskrimnierungen, das Geschäft wurde ihm genommen. Julius Hirsch, Karlsruhe, verarmte. In Auschwitz verliert sich seine Spur.

Werner Skrentny hat darüber ein Buch geschrieben, in dem der DFB nicht gut wegkommt. So soll Sepp Herberger, dessen jugendliches Idol Gottfried Fuchs war, 1972 vorgeschlagen haben, Fuchs als Ehrengast zu einem Länderspiel einzuladen, was der DFB unter fadenscheiniger Begründung abgelehnt habe.

Der Deutsche Fußball-Bund hat sich auch für Julius Hirsch, als es nötig war, nicht engagiert. Die meisten Vereine waren auf Linie gebracht. Gewehrt hat sich lange Zeit der FC Bayern München, der sich nach Hitlers Machtübernahme seinen jüdischen Vorsitzenden Landauer nicht so einfach nehmen ließ. Zwanzigers DFB hat den bayerischen Widerstand gewürdigt, indem er dem FC Bayern 2005 den ersten Julius-Hirsch-Preis verlieh. Die Bayern hatten gerade ein Freundschaftsspiel zwischen israelischen und palästinensischen Junioren organisiert. "Über den Preis freuen wir uns mehr als über manche Meisterschaft", hat Vereins-Chef Rummenigge gesagt.

Aber nicht deshalb ist Michael Werik Bayern-Fan.

Er ist es gegen den Trend geworden. Die Freunde hielten es mit Schalke oder den Dortmundern, weniger mit der Hertha, Bayern nie. Michael Werik war in dieser Hinsicht ein Einzelgänger, der schon vor der Übersiedlung von Maier, Beckenbauer und Müller begeistert war. In dieser Zeit leiteten die Münchner ihre bis heute währende Epoche ein.

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Die jüdische Gemeinde in Berlin erholte sich vor allem wegen Zugereister wie Werik. Viele waren dem 1938 verbotenen Klub nach der Nazi-Herrschaft ja nicht geblieben. Der TuS Makkabi, einste ein großer und anerkannter Turnverein, gründete sich erst 1970 neu.

Abpfiff an der Fischerstraße, Lichtenberg, Berlin-Ost. Stolz sind die Gäste auf den einen Punkt, der den Aufstieg bringt. Die Rituale greifen auch bei Makkabi: Tänze am Mittelkreis, Indianer-Geheul, Flüssigkeitsaufnahme von innen und außen.

Michael Werik betrachtet es still-vergnügt. Er findet den Aufstieg auch deshalb gut, weil, je höher die Spielklasse sei, um so kultivierter miteinander umgegangen werde. Das Vereinsheim am Eichkamp, wo die Julius-Hirsch-Anlage steht, wird er zur Feier des Tages freilich nicht betreten. Michael Werik möchte in Ruhe das DFB-Pokalfinale gucken. Freunde kommen zu Besuch; man wird koschere Speisen zu sich nehmen und den Sabbat ausklingen lassen mit einem Fernsehspiel.

Weil seine Bayern verlieren, wird sich Michael Werik dann aber doch mit dem Landesliga-Titel des TuS Makkabi trösten müssen, seines Berliner Vereins. Möglicherweise wird ihm später am Abend der Lärm der Dortmunder Anhänger zugetragen werden. Vom Olympiastadion nach Wilmersdorf sind es nur acht Kilometer.

Und es ist windig in Berlin.

Zaungast: Ständiger Beobachter des jüdischen Fußballvereins TuS Makkabi Berlin ist der 60-jährige Michael Werik, der vor 32 Jahren aus der Ukraine kam und viel über seinen Verein, die jüdische Kultur und Fußball zu erzählen weiß.

Zaungast: Ständiger Beobachter des jüdischen Fußballvereins TuS Makkabi Berlin ist der 60-jährige Michael Werik, der vor 32 Jahren aus der Ukraine kam und viel über seinen Verein, die jüdische Kultur und Fußball zu erzählen weiß.

Von: Wolfgang Ehlers

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