Dithmarscher LandeszeitungBrunsbütteler ZeitungDithmarscher KurierMarner Zeitung

19.06.2012 06:00 Uhr Kaiser-Wilhelm-Koog

Dankeschön für über 4 Millionen Briefe

Wolfgang Thomsen trägt seit 23 Jahren Post und Pakete in Kaiser-Wilhelm-Koog aus

Das halbe Dorf hat zusammengelegt: Kirsten Hanßen überreicht Wolfgang Thomsen einen Reisegutschein für seinen Einsatz als Postbote während der vergangenen 23 Jahren in Kaiser-Wilhelm-Koog.  Fotos: Geschke

Das halbe Dorf hat zusammengelegt: Kirsten Hanßen überreicht Wolfgang Thomsen einen Reisegutschein für seinen Einsatz als Postbote während der vergangenen 23 Jahren in Kaiser-Wilhelm-Koog. Fotos: Geschke

- Seit 23 Jahren fährt Wolfgang Thomsen seine Tour durch die Köge. Gestern dankten ihm viele Einwohner aus Kaiser-Wilhelm-Koog für seine langen und treuen Dienste.

"Ich wunderte mich schon, was hier los ist", erzählt der 61-Jährige, als er gestern in die Süderstraße kam. Zuerst dachte er an eine Familienfeier, doch das war weit gefehlt. Rund 40 Einwohner hatten sich bei Alt-Bürgermeister Hinrich Kruse versammelt und wollten "ihrem" Postboten noch einmal eine letzte Ehre erweisen.

Ausgedacht hatten sich das Christine Wilkens, Kirsten Hanßen und Maike Abicht, die schon vor Wochen mit der Planung starteten. Mit der Sammlung zum Vogelschießen hatten sie einen Zettel herumgereicht und für ihren Postboten gesammelt. "Wir wollten nicht zehn Würste überreichen", erzählte Kirsten Hanßen. Und damit Thomsen denn auch auf dem Kruse-Hof anhält, hatte die Tochter von Helga Kruse extra einen Brief geschrieben und am Freitagabend abgeschickt. Doch da hatten sie die Rechnung ohne die Post gemacht: Thomsen hatte keinen Brief für Helga Kruse dabei. Den Weg in die Süderstraße fand er trotzdem, denn Helga Kruse hatte ihn schon vorher gebeten, am Montag anzuhalten, auch wenn er keine Post hätte - was er dann auch gerne tat.

Dass sich der 61-jährige Marner ein Präsent verdient hatte, da waren sich die Kooger ganz sicher. "Wenn mal eine Briefmarke fehlte, habe ich den Brief trotzdem mitgenommen und das Geld am nächsten Tag bekommen", erzählt Thomsen, für den diese Art des Services einfach dazugehört. Und auch sonst ist er hilfsbereit und kennt nicht nur die Posttarife, sondern auch die Geschichten, die dahinter stehen. "Ich habe miterlebt, wie die Kinder hier groß geworden sind", erzählt er. Und Ernst-Otto Wilkens ergänzt schmunzelnd: "Wenn er Post nach Holland schickt, weiß Thomsen genau, das die Post für meine Tochter ist und ob das Porto ausreicht."

Dabei wollte Thomsen eigentlich gar nicht bis zum Ruhestand in den Kögen Briefe austragen. Begonnen hat er seine Karriere bei der Post in St. Michaelisdonn, wo er 14 Jahre im Innendienst arbeitete, danach wechselte er zum Frachtdienst nach Marne, wo er sieben Jahre blieb. "Eigentlich wollte ich nur drei oder vier Jahren die Tour machen", erinnert er sich. Dass daraus 23 wurden, hätte er auch nicht gedacht. "Es waren tolle Jahre, ich habe mich sehr wohl gefühlt."

Dabei hat es auch bei der Post einen enormen Wandel gegeben. "Mein Vorgänger kam noch mit dem Fahrrad und musste viele Renten in bar auszahlen", erzählt Thomsen. Er selbst hat nur noch wenige Renten ausgezahlt, dafür früher Rundfunkgebühren und Zeitungsgeld eingenommen. Heute gibt es das alles nicht mehr, dafür umso mehr Post. Während früher mehr Briefe ausgetragen wurden, sind es heute Geschäftspost, Werbung und vor allem Pakete. Täglich stellt Thomsen rund 800 Sendungen sowie 30 bis 35 Pakete auf seiner gut 70 Kilometer langen Tour zu. In 23 Jahren hat er gut 4,2 Millionen Sendungen und rund 160 000 Pakete zugestellt.

Während er in den Anfangsjahren als Postbote schon morgens um 6.30 Uhr begann und kurz nach dem Mittag fertig war, hat sich die Arbeitszeit nach hinten verschoben und bis 16.30 Uhr verlängert. "Wir haben heute aber eine 5-Tage-Woche, früher eine 6-Tage-Woche."

Wolfgang Thomsen ist seit 46 Jahren bei der Post und muss jetzt krankheitsbedingt eine Auszeit nehmen. Wann er wieder auf seine Tour gehen wird, ist noch unklar, denn die passive Zeit seiner Altersteilzeit ist auch schon in Sicht, sodass seine beruflichen Tage gezählt sind. "Mir macht die Arbeit viel Spaß, denn ich komme jeden Tag mit netten Menschen zusammen.

Ärger habe ich nie gehabt, deshalb hätte ich auch noch bis 65 weiter gemacht."

So wird es jetzt nicht mehr kommen, sodass Wolfgang Thomsen mehr Zeit für andere Dinge hat. Früher hat er aktiv Fußball gespielt, heute verfolgt er das Geschehen um das runde Leder am Fernseher. Ob Deutschland Europameister wird? "Vielleicht schaffen sie es bis ins Halbfinale, aber gegen Spanier gewinnen sie nicht", meint Thomsen.

Eine lange Autoschlange an der Süderstraße zeigte Wolfgang Thomsen den Weg: hier warteten die Kooger auf ihn.

Eine lange Autoschlange an der Süderstraße zeigte Wolfgang Thomsen den Weg: hier warteten die Kooger auf ihn.

Von: Reinhard Geschke

Diskutieren Sie über diesen Artikel

(doch nicht)

Schriftgröße



E-Paper


Leserumfrage