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Auf Tuchfühlung mit der Vergangenheit

- Eine bestickte Rokoko-Weste und Seidenunterwäsche aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts, eine etwa 1500 Jahre alte koptische Webarbeit und chinesische Knötchenstickereien aus dem 17. Jahrhundert. Mit diesen und anderen historischen Wäschestücken beschäftigt sich ein neues Projekt in Dithmarschen.

Die Textilien stammen aus einer bedeutenden privaten Dithmarscher Sammlung und sind der Öffentlichkeit bislang verborgen geblieben. Neun Frauen und zwei Männer haben sich nun unter dem Dach der Seniorenakademie der Volkshochschulen zusammengefunden, um die zahlreichen Wäschestücke aus früheren Zeiten zunächst zu sichten und zu katalogisieren. "Später soll gemeinsam mit den Mitarbeitern des Dithmarscher Landesmuseums für Ende 2011 eine Ausstellung vorbereitet werden, bei der diese textilen Schätze dann erstmals gezeigt werden", sagt die Kunsthistorikerin und Dozentin Dr. Regina Bouillon, die das Projekt - gemeinsam mit Professor Dr. Rainer Veyhl von der Fachhochschule Westküste - begleitend betreut. Veyhl ist für die Vorbereitung und Steuerung zuständig. "Wobei ich das Handwerkszeug vermittle, den Projektleiter wählen die Mitstreiter aus ihrer Mitte." Kompetent ist die Gruppe allemal. "Wir haben sogar zwei Fachfrauen aus den Bereichen Textildesign und Textiltechnik unter uns, außerdem einen Experten für digitale Fotografie und Bildbearbeitung", freut sich Bouillon.

Seit Tagen sind die Teilnehmer dabei, Hunderte von historischen Textilien zu fotografieren oder zu scannen. "Das Team ist schon gut eingespielt und arbeitet sich mit großem Interesse durch die zahlreichen Jacken, Leibchen, Büstenhalter, Hauben, Taschen, Knöpfe, Spitzen, Samtdecken und andere besondere Handarbeiten", sagt Bouillon. Auch die Eigentümerin der Sammlung ist jedes Mal dabei. "Am Ende wird sie über eine lückenlose Aufstellung aller ihrer kostbaren Sammlerstücke nebst historischer Einordnung verfügen", sagt Professor Dr. Veyhl. Viele Gegenstände seien dabei so faszinierend, dass die Arbeit erst einmal unterbrochen wird, damit alle genau schauen und staunen können. Etwa bei einer 1500 Jahre alten Borte aus Nordafrika mit Figuren aus der Sagenwelt. Oder bei einem Seidenschirm aus der Zeit um 1800. Wieder ans Tageslicht kommen auch viele Dithmarscher Stoffe, die beispielsweise als Trachtenzubehör dienten. Aber auch Textilien aus Ägypten sowie Geräte, die einst zur Herstellung von Spitzen oder zur Weißstickerei dienten. Die guten Stücke werden mit großer Vorsicht berührt - dazu wurden extra Baumwollhandschuhe beschafft. "Später wird die Analyse anhand vergrößerter Digitalfotos fortgesetzt, um die kostbaren Originale zu schonen. Diese sind in säurefreien Kartons gelagert und sollen möglichst nicht so oft aus diesen herausgenommen werden", sagt Bouillon. Das sei aber kein Problem, denn die Objekte werden nur einmal angefasst und fotografiert. Die Vergrößerung eines qualitativ hochwertigen Fotos erspare später in vielen Fällen den Einsatz eines Mikroskops, am Original, weiß Veyhl.

Für besondere Motivation sorge laut Bouillon der spätere mehrfache Nutzen dieser Arbeit, der sich beispielsweise in der geplanten Ausstellung zeigt. "In diesem Projekt geht es nicht um reines Lernen im Frontalunterricht, sondern um kreative praktische Fortbildung zum Selbermachen", betont Bouillon. Veyhl ergänzt eine weiteren Aspekt: "Ziel ist es nicht, Senioren zu bespaßen, sondern in erster Linie die Kompetenz und Lebenserfahrung dieser Menschen zu nutzen, um etwas Sinnvolles zu gestalten. Denn oftmals trauen sie sich im Alter selbst nicht mehr viel zu. Und das ist nicht gerechtfertigt." So habe der eine Organisationstalent, der andere künstlerisches Potential. "Das alles kann hier prima zum Einsatz kommen."

Ein weiteres wichtiges Thema ist Öffentlichkeitsarbeit. Neben der Vorbereitung der Ausstellung wird Werbematerial entworfen und eine Kampagne geplant. Ebenfalls auf der Liste stehen Vorträge und Handarbeitsvorführungen. Das Textilprojekt, bei dem die Teilnehmer sozusagen mit der Vergangenheit auf Tuchfühlung gehen, könnte sogar noch mehr werden: "Es steht die Idee im Raum, daraus ein Modellprojekt für das ganze Land zu machen", so Bouillon.

- Wer Fragen zum Textilprojekt oder möglicherweise Interesse am Mitmachen hat, kann sich unter Tel.: 0 48 32/42 43 bei der Seniorenakademie melden. Nähere Informationen gibt es im Internet unter der Adresse textilprojekt.blogspot.com

Dort gibt es regelmäßig Berichte über den Fortgang des Projektes zu lesen.


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