

Kommt nicht zur Ruhe: Das ehemalige Dystar-Werk, der Komplex vorne im Bild, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die neuen Eigentümer, die Chemie GmbH Bitterfeld-Wolfen, wollen in Zukunft so billig wie möglich produzieren.

Wunder

Suß
Brunsbüttel
- Immer wieder vor Weihnachten: Für die 126 Mitarbeiter des ehemaligen Dystar-Werks werden die nächsten Tage alles andere als besinnlich. Der neue Besitzer, die CBW aus Bitterfeld, will Kündigungen aussprechen und das Entgelt radikal einkürzen.
Der vergangene Donnerstag ist für die Arbeitnehmervertretung ein klares Signal, dass ungemütliche Monate bevorstehen. Sie sitzt im kleinen Konferenzraum des Farbstoffherstellers und wartet auf die Geschäftsführung. Doch die taucht nicht auf, sondern tagt viel lieber im großen Konferenzsaal mit den Gesellschaftern aus Bitterfeld - und lässt sich beim Betriebsrat, an dessen Seite Vertreter der Gewerkschaft IGBCE sitzen, nicht blicken.
Dabei war über die Anwälte beider Seiten dieser Tag als offizieller Beginn der Betriebsverhandlungen über einen Interessensausgleich verabredet worden. Doch einen Tag vorher, am Mittwoch, erhielt Betriebsratsvorsitzender Bernd Wunder Post von Andreas Jost, Geschäftsführer der Chemischen Fabrik Brunsbüttel GmbH (CFB), wie das ehemalige Dy-star-Werk seit einem Jahr heißt. In dem Brief fordert Jost Verhandlungen noch am gleichen Tag - bis spätestens 14 Uhr. Andernfalls müsse er diese für gescheitert erklären und die Einigungsstelle beim Arbeitsgericht Elmshorn anrufen.
Das hat Jost dann auch getan. Betriebsrat und Gewerkschafter sind völlig perplex. "Wir sind ja verhandlungsbereit und waren am Donnerstag physisch anwesend", sagt Andreas Suß kopfschüttelnd. Der Gewerkschaftssekretär vom Bezirk Neumünster hat jahrelange Erfahrung mit solchen Verhandlungen. Gerade deshalb ist er so überrascht und auch verärgert. "Für die Chemiebranche ist das eine vollkommen unbekannte Gangart und der Sache überhaupt nicht dienlich", so Suß.
Vor allem: Der Gewerkschaftsfunktionär weist darauf hin, dass sich die CFB nicht vor einem Interessensausgleich drücken kann, weil dieser gesetzlich vorgeschrieben ist - egal, wie dieser am Ende aussieht. Voraussetzung aber ist eine stattgefundene Betriebsverhandlung. Suß: "Es ist zu prüfen, ob die Einigungsstelle zum jetzigen Zeitpunkt zuständig ist." Aus Sicht der Gewerkschaft ist sie es nicht.
Der harte Verhandlungskurs des ostdeutschen Unternehmens deutete sich bereits Ende November an. Damals ließ die Geschäftsführung - der langjährige Geschäftsführer Dr. Karl-Heinrich Lange wurde kurzerhand geschasst - die Hosen vorm Betriebsrat herunter: Weil der Auftrag für die Inder, der derzeit 70 Prozent der Produktion (10 000 Tonnen pro Jahr) an Textil- und Papierfarbstoffen ausmacht, ausläuft, sei mit Personalabbau und Entgeltkürzungen zu rechnen. Die Rede war von 20 Entlassungen und einer Reduzierung der Arbeitszeit von 37,5 auf 32,5 Stunden. Statt vier Schichten sollen künftig nur noch drei Schichten gefahren werden. Für viele Schichtgänger bedeutet dies allerdings, dass sie Einkommensverluste in Höhe von 800 bis 1000 Euro pro Monat hinnehmen müssen. "Das geht an die Existenz", meint Betriebsratsvorsitzender Bernd Wunder. Obendrein wurde das Weihnachtsgeld in diesem Jahr gleich einbehalten. Die Unternehmensspecherin in Bitterfeld war übrigens für eine Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung gestern nicht zu erreichen.
Ganz böse finden Wunder und Suß, wie Druck auf die Belegschaft ausgeübt wird. So soll Geschäftsführer Jost auf der Betriebsversammlung Anfang Dezember angedeutet haben, dass ein Wegbewerben von Mitarbeitern innerhalb des ChemCoast-Parks nicht möglich sei, weil es am Standort entsprechende Absprachen gebe.
Den Weggang von Fachkräften befürchtet der Gewerkschaftssekretär, sollte es zu Entlassungen und massiven Lohnkürzungen kommen. Dann aber sei die Produktion gefährdet, weil der Personalbestand schon jetzt "hart auf Kante genäht" ist, so Andreas Suß.
Beriebsrat und Gewerkschaft wollen aber von Maßnahmen wie eine Arbeitsniederlegung für mehrere Stunden oder gar einen Streik vorerst absehen. Man wolle nicht noch mehr Verunsicherung in der Belegschaft schaffen. Gleichzeitig ist man nach wie vor bereit, mit der Geschäftsführung zu verhandeln. "Wir wollen den Standort erhalten, das ist unser oberstes Ziel", betont Gewerkschafter Suß, auch wenn ihm klar ist, wohin die Reise hingehen soll: "In Brunsbüttel soll so billig wie möglich produziert werden."