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09.08.2011 06:00 Uhr Wennbüttel

Flirtgeschichten mit Franz Liszt

Elisabeth Rathjens findet interessante Aufzeichnungen in den Tagebüchern ihrer Ururgroßmutter

Elisabeth Rathjens zu Hause am Klavier Fotos: Peters

Elisabeth Rathjens zu Hause am Klavier Fotos: Peters

- Haben Sie eine Ururgroßmutter, die mit Franz Liszt geflirtet hat? Vermutlich nicht. Ganz anders ergeht es Elisabeth Rathjens aus Wennbüttel. Sie stammt in direkter Linie von Lidy Steche ab, die vor rund 160 Jahren zur Gemeinschaft der Liszt-Bewunderer gehörte.

Elisabeth Rathjens ist in den Kirchen und Kapellen Dithmarschens gut bekannt, denn es gibt kaum eine Orgel, an der sie nicht schon gesessen und Gottesdienste, Trauungen und Trauerfeiern musikalisch begleitet hat. Außerdem gibt sie Klavierunterricht bei der Dithmarscher Musikschule, singt sowohl im Meldorfer Domchor als auch in der Kantorei und hilft bei Chorproben als Korepetitorin. Ein musikalischer Mensch durch und durch - dabei ist sie eine Spätberufene, denn sie war schon 38 Jahre alt, als sie das Orgelspiel zu erlernen begann, war 40, als sie die C-Prüfung ablegte. Allerdings hatte sie schon mit acht Jahren Klavierstunden bekommen und war, abgesehen von den Jahren als junge Mutter von drei Kindern, ihrem Klavier immer treu geblieben. Ihr Jugendtraum war es gewesen, Kirchenmusik zu studieren, aber ihre Mutter fürchtete, mit so einem Beruf werde sie nie einen Mann abbekommen. So erlernte die junge Frau nach dem Abitur den Beruf der Bauzeichnerin in Hamburg, arbeitete kurze Zeit in diesem Bereich und heiratete dann ihren Peter Rathjens, Landwirt aus Wennbüttel, lange Zeit Bürgermeister seines Heimatdorfes und Amtsvorsteher.

Im Hause Rathjens werden alte Schriftstücke, Urkunden, Fotos und Alben sorgfältig verwahrt. Zu diesen Familiendokumenten legte Elisabeth Rathjens auch zwei alte Tagebücher, auf Briefbögen geschrieben und in blaue feste Umschläge eingenäht. Das erste Tagebuch bekam sie, als sie 16 Jahre alt war, von ihrer Großmutter Elisabeth Bergmann ausgehändigt. Den Bergmanns gehörte die allererste Apotheke in Albersdorf, die Elisabeth-Apotheke. Das zweite Tagebuch kam 2008 hinzu. Elisabeth Rathjens erhielt es von einem Vetter 3. Grades, der selbst keine interessierten Nachkommen hat, als Geschenk zu ihrem 70. Geburtstag. Sie legte dieses zweite Tagebuch zum ersten.

Beide stammten von ihrer Ururgroßmutter väterlicherseits Lidy Steche und waren in Sütterlinschrift geschrieben, schwer zu lesen. Doch Elisabeth Rathjens hatte darin geblättert und gesehen, dass es von berühmten Namen nur so wimmelte.

Erst als sie vor gut drei Monaten in ihrer Tageszeitung den Artikel von Andreas Heimann mit dem Titel "In Thüringen herrscht Lisztomania - Bundesland feiert den 200. Geburtstag des Musikers und Komponisten" gelesen hatte, wurde ihr klar, welchen Schatz sie möglicherweise besaß. Sie holte die beiden Tagebücher hervor, machte sich an die mühselige Arbeit, die Schrift ihrer Urahnin zu studieren und dann handschriftlich Seite für Seite zu übertragen, ein Blatt mit dem Sütterlin-Alphabet immer neben sich.

"Es hat mich sehr berührt, dass ich 2011 in meiner Handschrift wiedergab, was Lidy vor mehr als 160 Jahren in ihrer Handschrift notierte", sagt Elisabeth Rathjens. Was sie aus den Aufzeichnungen erfuhr, entführte sie in eine andere Welt. Ihre Ururgroßmutter Lidy wurde 1805 in Leipzig als Tochter eines "Chirurgs und Hofzahnarztes" geboren. Sie wurde Sängerin und heiratete Albert Steche, mit dem sie fünf Kinder bekam. Ihr viertes Kind, Richard, 1837 geboren, 1893 gestorben, ist der Urgroßvater von Elisabeth Rathjens. Lidy war offenbar eine sehr selbstbestimmte Frau, sie verließ ihren Mann, baute ihr eigenes Haus und führte dort einen Salon, in dem ab 1841 viele Musiker, Sänger und vor allem Komponisten verkehrten, die bis heute berühmt sind. In einem ihrer beiden Tagebücher wird darüber sorgfältig Buch geführt. Hector Berlioz, Richard Wagner, Robert und Clara Schumann und Johannes Brahms werden dort erwähnt. Sie schrieben Dankesworte und Noten in Lidys Gästebuch.

Das zweite Tagebuch erzählt von ihren Aufenthalten in Weimar, wo Liszt ab 1848 zusammen mit seiner Geliebten Carolyne von Sayn-Wittgenstein auf der Altenburg lebte.

Zwischen 1853 und 1857 fuhr Lidy Steche, die offenbar mit der Geliebten von Franz Liszt befreundet war, regelmäßig nach Weimar und schrieb minutiös in ihr Tagebuch, was sie dort erlebte. Unter dem 19. Februar 1855 heißt es zum Beispiel: "Nach dem Essen kam Berlioz, um Liszt abzuholen, und blieb noch ein halbes Stündchen bei uns am Kaminfeuer sitzen, wo die Fürstin uns alle in sehr anziehenden und von ihrer hohen Bildung zeugenden Gesprächen gefangen nahm. An anderer Stelle heißt es: " . . . bot Liszt mir seinen Arm und führte mich die Treppe bis zum Wagen - zum zweiten Mal, dass die D. leer ausging, was - so schmeichelhaft es mir nur sein konnte - mir doch etwas peinlich war."

Während der Feier zum 46. Geburtstag von Franz Liszt 1857 wurden sogenannte "lebende Bilder" gestellt. Lidy schreibt: "Bei dem Lied, das ein junger Ungar, am Boden zu Füßen eines Baumes liegend, sang, war Liszt schon freudig gerührt. Er bog sich zu mir und sagte: ‚Das ist ein ungarisches, sehr beliebtes Volkslied, das ich sehr oft in meiner Jugend gehört habe.’ Mit jedem neuen Bild stieg seine Rührung, und ehe es noch ganz zu Ende war, ging er einen Augenblick hinaus, um seiner Rührung Herr zu werden."

Als Elisabeth Rathjens mit der Übertragung der beiden Tagebücher fertig war, rief sie in Weimar bei der Liszt-Gesellschaft an. Der Leiter des Hochschularchivs der Hochschule für Musik Franz Liszt, Dr. Christoph Meixner, konnte es kaum glauben: "Mein Herz klopft!", sagte er und lud Elisabeth Rathjens nach Weimar ein. Sie fuhr kürzlich mit ihrem Mann und zwei ihrer insgesamt neun Enkeltöchter nach Thüringen und übergab Christoph Meixner die beiden Originale leihweise. Es soll eine Faksimile-Ausgabe dieser Handschriften erscheinen, bei deren Präsentation im Oktober 2011 Elisabeth Rathjens dabei sein und in einer öffentlichen Veranstaltung selbst aus den Texten ihrer Ururgroßmutter lesen wird. "Ich war sehr aufgeregt bei meinem Besuch in Weimar. Ich freue mich, dass die Tagebücher dort ihre Wertschätzung erfahren."

Gemälde von 1831: Lidy Steche, geborene Angermann, mit ihrem Sohn Maximilian (1830-1867).

Gemälde von 1831: Lidy Steche, geborene Angermann, mit ihrem Sohn Maximilian (1830-1867).

Die fünf Kinder der Lidy Steche als Miniaturgemälde auf Schmuckstücken.

Die fünf Kinder der Lidy Steche als Miniaturgemälde auf Schmuckstücken.

Von: Anneliese Peters

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