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Dienstag, 14. Juni 2011 | Von: Jörg Lotze

Urgroßmutter stand auf Krinolinenmode

Mit der Vergangenheit auf Tuchfühlung: Dithmarscher Textilprojekt bereitet einzigartige Ausstellung vor

Fotos aus dem privaten Archiv von Andreas Vollstedt: Seine Urgroßmtter Anna Catharina Bodenstein (links) trug 1868 Krinolinenmode, seine Großmutter (rechts) 1910 eher körpernahe Kleidung.

Fotos aus dem privaten Archiv von Andreas Vollstedt: Seine Urgroßmtter Anna Catharina Bodenstein (links) trug 1868 Krinolinenmode, seine Großmutter (rechts) 1910 eher körpernahe Kleidung.

Eine Puppe in Dithmarscher Bekleidung aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Eine Puppe in Dithmarscher Bekleidung aus dem frühen 20. Jahrhundert.

Dithmarschen

- Was haben die folgenden Redensarten gemeinsam? Die Ärmel hochkrempeln, Es regnet Bindfäden, Unter einer Decke stecken, Am seidenen Faden hängen oder Das Handtuch werfen? Richtig, sie alle haben etwas mit Textilien zu tun.

"Sprichwörtliche Redensarten ziehen sich seit Jahrhunderten wie ein roter Faden durch die deutsche Sprache", sagt Andreas Vollstedt aus Heide. Im Internet-Blog des Textilprojektes der VHS-Seniorenakademie Dithmarschen hat der 48-Jährige eine Menge dieser Sprichworte aufgelistet, die direkt oder indirekt mit Kleidung oder anderen textilen Stoffen zu tun haben.

Doch diese nette Sammlung der Redensarten ist eigentlich nur Beiwerk. Denn das Projekt hat sich etwas viel Größerem verschrieben. Die elfköpfige Gruppe mit ihren Projektleitern Elke Trieglaff-Grabe (Barkenholm) und Andreas Vollstedt ist seit einem guten Dreivierteljahr dabei, eine größere Menge historischer Textilien zu sichten und zu katalogisieren. "Die Textilien stammen aus einer umfangreichen privaten Sammlung aus Dithmarschen", sagt Dr. Regina Bouillon. Die Historikerin und Dozentin begleitet das Projekt fachlich - gemeinsam mit Professor Dr. Rainer Veyhl. Inzwischen haben sich kleinere Untergruppen gebildet, die einzelne Themen bearbeiten, beispielsweise den Schwerpunkt Ländliche Alltagskleidung um 1900.

Eine Arbeit, bei der man mit der Vergangenheit auf Tuchfühlung geht, und das sogar im wahrsten Sinne des Wortes: Ob eine bestickte Rokoko-Weste, Seidenunterwäsche aus den 1920er Jahren, eine etwa 1500 Jahre alte koptische Webarbeit oder chinesische Knötchenstickereien aus dem 17. Jahrhundert: Seit Monaten wurden Hunderte wertvoller Stoffe fotografiert, gescannt und katalogisiert.

Das Team arbeitete sich mit großem Interesse durch die zahlreichen Jacken, Leibchen, Büstenhalter, Hauben, Taschen, Knöpfe, Spitzen, Trachtenzubehör und Samtdecken. "Mittlerweile ist die komplette Sammlung digital katalogisiert", sagt Dr. Bouillon. Zu tun bleibt dennoch eine Menge, wie Elke Trieglaff-Grabe betont: "Vor allem die Kleinigkeiten werden uns später die Zeit rauben. Aber wir werden es schaffen."

Immer wieder wird die Arbeit unterbrochen, um die schönen Stücke zu bestaunen. Etwa bei einer 1500 Jahre alten Borte aus Nordafrika mit Figuren aus der Sagenwelt. Oder bei einem Seidenschirm aus der Zeit um 1800.

Die Gruppe besteht aus elf Mitstreitern, drei von ihnen haben ein Studium im textilen Bereich absolviert (Textildesign oder -technik). Zwei dieser Fachfrauen nehmen eine weite Anfahrt für die regelmäßigen Treffen auf sich: Heike Brüdern-Hoppe kommt aus Eckernförde, Christine Henning sogar aus Baden angereist. Die jüngsten Mitglieder sind in den Vierzigern, die ältesten in den Siebzigern.

Für Andreas Vollstedt hat das Projekt diverse Anreize: "Wer sich mit dem gelebten Alltag früherer Generationen beschäftigt, kommt an der Textilgeschichte gar nicht vorbei. Aus gutem Grund gehören das Spinnen und Weben zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit." Die schwerste Entscheidung, die bisher zu treffen war, ist aus seiner Sicht, sich bei der Projektarbeit auf bestimmte Textilgruppen festzulegen - und gleichzeitig andere "liebgewonnene" Textilien auszuschließen. Vollstedt: "Der Trend in unserer Gruppe ging eindeutig hin zu den Bekleidungstextilien." Kleidermode, so Vollstedt weiter, sei stets auch ein Kennzeichen für gesellschaftliche Veränderungen. "Im zurückliegenden Jahrhundert war das vor allem in den goldenen Zwanzigern und den revolutionären Sechzigern deutlich sichtbar."

Sönke Paulsen ist der Fotograf unter den Teilnehmern. Er sorgt dafür, dass durch sehr gute Fotos die Abnutzung der kostbaren Stoffe verhindert werden kann. "Später wird die Analyse anhand vergrößerter Digitalfotos fortgesetzt, um die kostbaren Originale zu schonen. Diese sind in säurefreien Kartons gelagert und sollen möglichst nicht so oft herausgenommen werden", sagt Bouillon. Das sei aber kein Problem, denn die Objekte werden nur einmal angefasst und fotografiert. Die Vergrößerung eines qualitativ hochwertigen Fotos erspare später in vielen Fällen den Einsatz eines Mikroskops am Original, weiß Veyhl. Sönke Paulsen hat bereits mehr als 2000 Bilddateien von Textilien im Archiv: "Einige Bilder, bei denen es auf Details ankommt, haben ein Datenvolumen von bis zu 16 MB. Darauf kann man jeden Fussel und jeden Faden sehen."

Helene Sühlsen hat bereits ein altes Festgewand an das Museum abgegeben. "In meinem Besitz ist noch ein handgewebter Beiderwandrock, der früher in Dithmarschen zusammen mit einer Baumwollbluse zur Alltagsbekleidung gehörte. Für festliche Anlässe wurde er aufgewertet durch eine weiße Schürze oder ein Schultertuch." Das Projekt hat übrigens einen mehrfachen Nutzen. Zum einen erhält die Besitzerin der Sammlung eine lückenlose Aufstellung aller ihrer kostbaren Sammlerstücke mit historischer Einordnung. Zum anderen wird gemeinsam mit den Mitarbeitern des Dithmarscher Landesmuseums für den 9. Dezember eine Ausstellung vorbereitet, in der die bislang der Öffentlichkeit verborgenen Schätze gezeigt werden.


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